„Strenge Maßnahmen in China waren wirkungsvoll"
2020/03/10

Herr Feng, für Ihr Land waren die vergangenen Wochen und Monate hart. Wie sehen Sie die Situation gerade?

HAIYANG FENG In China ist die Verbreitung des Virus im Großen und Ganzen unter Kontrolle gebracht, die Zahl der Neuansteckungen sinkt, und die Heilungsrate ist mittlerweile für 20 Tage in Folge angestiegen. Das zeigt, dass die strengen und gründlichen Maßnahmen der chinesischen Regierung wirkungsvoll waren. Dafür hat es bereits mehrfach Lob von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegeben. Auch die internationale Gemeinschaft hat anerkannt, dass die chinesischen Anstrengungen und Maßnahmen der Welt Zeit gewonnen haben.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass die chinesische Regierung vielleicht zu spät reagiert habe ...

FENG Ich kenne diese Stimmen natürlich – es lässt sich aber konstatieren, dass wir innerhalb kürzester Zeit und landesweit ein flächendeckendes und integratives System zur Prävention und Kontrolle eingerichtet haben. Dass die Verbreitung des Virus in China anfangs schnell verlief, ist in erster Linie darauf zurückzuführen, dass diese Epidemie durch ein neuartiges Virus verursacht wurde. Daher ist der Prozess der Erkennung und Identifizierung notwendig. Eine Elf-Millionen-Metropole wie Wuhan und seine Nachbarregionen „abzuriegeln", bedarf äußersten politischen Mutes. Millionen Menschen bleiben nunmehr seit mehr als einem Monat zu Hause, um die Verbreitungskette des Virus zu unterbrechen. Das ist einmalig in der Geschichte des Weltgesundheitswesens.

Düsseldorf ist eng verbunden mit vielen chinesischen Unternehmen. Wie ist die Situation in der Wirtschaft?

FENG In vielen Unternehmen kam es zu Arbeitsstopps, und die Mitarbeiter konnten zuletzt nur schrittweise an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Dieser Umstand hat weiterhin einen großen Einfluss auf die wirtschaftliche Gesamtlage, auch außerhalb Chinas. Man bedenke das Frühlingsfest im Februar, das für die Chinesen auch ein großes Konsumfest ist, von dem Gastronomie und Tourismus im In- und Ausland enorm profitieren. Hinzu kommt auch, dass die Produktion vieler Rohstoffe für Corona-Impfungen aus China kommen wird. Aber die Grundlage des langzeitigen Aufwärtstrends der chinesischen Wirtschaft ist unverändert geblieben. Wir sind zuversichtlich, dass sowohl die angestaute Produktion als auch der unterbrochene Konsumbedarf nach der Epidemie schnell zur Entfaltung kommen werden. Mittlerweile haben die meisten Unternehmen in Schlüsselbereichen ihre Produktion wieder aufgenommen. Das trägt dazu bei, den Schaden für die chinesische Wirtschaft abzufedern und die globalen Lieferketten zu stabilisieren.

Wie sieht es mit den Düsseldorfer Standorten der Unternehmen aus?

FENG Wir befinden uns in einem ständigen guten Austausch mit der Stadt Düsseldorf, beispielsweise dem Gesundheitsdezernenten, und mit dem Land NRW über das Vorgehen. Viele chinesische Unternehmen haben selbst bereits Maßnahmen ergriffen – beispielsweise müssen Mitarbeiter von Huawei, die aus China nach Düsseldorf zurückreisen, nach ihrer Rückkehr zunächst 14 Tage zu Hause bleiben. Das Gleiche gilt für uns im Generalkonsulat. Neu entsandte Mitarbeiter reisen bei uns momentan überhaupt nicht an, auch das handhaben viele chinesische Firmen genauso. Air China hat zuletzt auch seine Verbindung nach Düsseldorf schlicht aus dem Grund eingestellt, dass es keine Nachfrage gibt – es möchte niemand fliegen.

Wer momentan bei Ihnen in Passangelegenheiten ins Düsseldorfer Konsulat kommt, bei dem wird sogar die Temperatur gemessen.

FENG Das betrifft den Bereich unseres Hauses, in dem täglich viele Menschen ein- und ausgehen, Mitarbeiter und Besucher. Damit übernehmen wir auch die Verantwortung gegenüber unseren Gästen und Kollegen. Diese Maßnahme wurde allerdings nicht mit Blick auf den Coronavirus eingeführt, sondern bereits zuvor, um eine Ansteckung mit der saisonalen Grippe zu vermeiden.

In einigen Fällen sind asiatisch aussehende Menschen in der Region sogar angefeindet worden – wegen Corona.

FENG Das haben wir gehört, und es ist sehr bedauerlich. Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen sind gefährlicher als das Virus selbst. Dennoch möchten wir betonen, dass die Welle der Unterstützung und der guten Wünsche für das chinesische Volk diese bedauerlichen Umstände positiv überschatten. Oberbürgermeister Thomas Geisel hat sich mit guten Wünschen an mich gewandt und sogar ein Video aufgenommen, aber auch viele Bürger der Stadt haben mir geschrieben. Meine Mitarbeiter und mich hat die Solidarität, die uns so viele deutsche Freunde ausgedrückt haben, sehr berührt.

In Düsseldorf sind inzwischen erste Fälle des Virus aufgetreten. Trauen Sie den Behörden hier ein ähnlich konsequentes Vorgehen zu wie in China – die Gesellschaftssysteme sind sehr unterschiedlich.

FENG Mir ist klar, dass das chinesische Gesellschaftssystem institutionelle Vorteile hat im Hinblick auf die landesweite Mobilisierung von Fachkräften und Ressourcen und die Durchsetzungskraft von Maßnahmen. Auch das kollektive Bewusstsein und die Entschlossenheit der chinesischen Bevölkerung sind wichtige Faktoren. Als Generalkonsulat verfolgen wir die aktuellen Entwicklungen zum Verlauf der Epidemie in NRW mit großer Aufmerksamkeit. Ich habe aber Vertrauen in die deutschen Behörden und Mediziner, dass sie sehr souverän mit der Lage umgehen. China wird die Unterstützung der deutschen Seite nicht vergessen und ist auch bereit, die Zusammenarbeit mit Deutschland in den Bereichen Medizin sowie Prävention und Kontrolle von Epidemien fortzusetzen. Bei der Bekämpfung der Epidemie sitzen wir alle schließlich in einem Boot und sollen einander helfen.

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