China-Kongress der Rheinischen Post: Früher Imitator, heute Innovator
2018/07/05

Von Florian Rinke und Michael Bröcker

Düsseldorf - Die Beziehungen der Volksrepublik zu NRW standen im Mittelpunkt des Kongresses – und die Frage, was Deutschland von China lernen kann.

Um die Unterschiede der chinesischen und deutschen Kultur zu verstehen, ist Xuewu Gu überzeugt, muss man sich nur die politischen Entwicklungen der vergangenen Tage in der Bundesrepublik anschauen: „Ein chinesischer Minister könnte es sich gar nicht erlauben, seine Regierungschefin in der Öffentlichkeit so brutal zu behandeln“, sagt Gu, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Bonn, angesichts des offen ausgetragenen Streits zwischen Innenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): „Und kein chinesischer Regierungschef würde sich angesichts eines solchen Verhaltens so tolerant zeigen.“

Das Verhältnis von China und Deutschland samt all der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Wirtschaftsmächte stand im Mittelpunkt der dritten Auflage des China-Kongresses der Rheinischen Post, der diesmal unter dem Motto „Start it up!“ stand. 300 Gäste aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, aus West und Ost, diskutierten gemeinsam die Beziehungen der beiden Länder – und wie sich diese angesichts der weltweiten Herausforderungen verändern müssen.

Mahnende Worte fand vor allem Andreas Schmitz, Präsident der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf, der hart mit der Bundesregierung ins Gericht ging und das Fehlen einer China-Strategie bemängelte: „Die chinesischen Eliten kennen unsere viel besser als wir ihre. Deutschland verliert zusehends seinen Status als verlässlicher und stabiler Partner Chinas“, kritisiert Schmitz. Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel gebe es eine „erhebliche Diskrepanz“ zwischen der Analyse und der „praktischen Politik“. Bedenken seien aber kein Plan, so der IHK-Präsident.

Im Koalitionsvertrag von Union und SPD nehme das Thema China nur „14 dürre Zeilen“ ein, Afghanistan doppelt so viel. In Deutschland diagnostizierte Schmitz eine „mangelnde Infrastruktur, eine schlechte Ausbildung der Schüler und einen Rückstand bei der künstlichen Intelligenz“. Der jüngste Unionsstreit lasse die in China geschätzte Kanzlerin „als angezählt erscheinen“.

Ganz anders die Volksrepublik: „China ist vom Imitator zum Innovator geworden“, lobt Schmitz. Eine Einschätzung, die der Vortrag von Guiping Liu bestätigte. Liu ist Vize-Bürgermeister von Chongqing, in dessen Stadtgebiet knapp 40 Millionen Einwohner leben – und warb für eine weitere Vertiefung der Beziehungen zu der Metropole im Westen Chinas, die zu den führenden Wirtschaftszentren des Landes gehört. „Jedes achte Auto läuft in China in Chongqing vom Band und jeder dritte Laptop weltweit wird bei uns gefertigt“, sagte Liu. 279 der weltweit 500 größten Unternehmen hätten hier einen Sitz.

Von den Zahlen der Partnerstadt kann die 600.000-Einwohner-Stadt Düsseldorf nur träumen. Gleichzeitig profitiert jedoch auch die Rheinmetropole von der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre in Fernost. 520 chinesische Unternehmen haben inzwischen in Düsseldorf laut Oberbürgermeister Thomas Geisel (SPD) ihren Sitz. Viele würden sich für die Stadt entscheiden, weil ihre Lage günstig sei für den Einstieg in den europäischen Markt. „Wir versammeln hier in Düsseldorf inzwischen eine illustre Runde chinesischer Weltmarktführer“, so Geisel.

Eines der wichtigsten chinesischen Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf ist der Smartphone-Hersteller Huawei. Mit 2000 Mitarbeitern ist er inzwischen der größte chinesische Arbeitgeber in Deutschland. Eva Wimmers, Europa-Chefin der Huawei-Tochter Honor, sieht in der chinesischen Offenheit gegenüber neuen Technologien einen großen Vorteil des Landes. China sei ein „Mobile first“-Land, sagt Wimmers beim China-Kongress. Sogar Großmütter würden den Salat vom Markt inzwischen über Wechat bezahlen. Der Messengerdienst gehört zu den beliebtesten Apps auf chinesischen Smartphones – und hat die Kommunikation rasant verändert. „Wer eine E-Mail in China schreibt, hat es schwer“, sagt Wimmers: „Auch geschäftliche Korrespondenz findet eigentlich nur noch bei Wechat statt.“

Andreas Pinkwart ist überzeugt: „Von dieser Offenheit Neuem gegenüber kann Deutschland viel von China lernen.“ Der NRW-Wirtschaftsminister versucht momentan selbst, das Bundesland zu digitalisieren. China ist da aus seiner Sicht schon weiter. Durch die Digitalisierung würden sich auch Innovationszyklen verkürzen, so Pinkwart. Zeit werde immer mehr zum kritischen Faktor. „Da zeigen uns unsere chinesischen Partner, wie man mit diesem Faktor umgehen kann.“ Gleichzeitig ist Pinkwart überzeugt, müsse man sich angesichts der Beschleunigung auch Gedanken darüber machen, wie das politische System mitwachsen kann: „Wir müssen uns natürlich fragen, wie wir die Demokratie in neuem Kontext weiterentwickeln.“

Auch IHK-Präsident Schmitz sieht in diesem Bereich Handlungsbedarf. Er kritisierte die politischen Entscheidungsträger und die langwierigen Prozesse in Deutschland und verwies auf den Masterplan der chinesischen Staatsführung. „Die Verantwortlichen in Peking haben einen Plan. Langfristig, strategisch und nachhaltig. Und sie haben einen Plan, der nicht in Talkshows zerredet wird.“

Eine zentrale Rolle nimmt dabei die Wiederbelebung der Seidenstraße ein, die China vorantreibt. Die Handelsroute soll Europa und Asien enger verbinden – und könnte aus Sicht von Stefan Baron eine große Chance sein. „Die USA sind strikt gegen das Projekt und die Europäer sehr zurückhaltend“, sagt der China-Experte und frühere Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Dabei würden sich die politischen Rahmenbedingungen gerade stark verändern.

Das betont auch Feng Haiyang, Generalkonsul in Düsseldorf: „Auf die aktuellen Herausforderungen kann kein Staat alleine antworten.“ Die von US-Präsident Donald Trump angekündigten Strafzölle haben schon jetzt Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft. Deutschland kann das laut IHK-Präsident Schmitz nicht egal sein: „Niemand leidet so sehr wie Deutschland, wenn China weniger wächst.“

Quelle: Rheinische Post

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