Die Seidenstraße beginnt jetzt in Duisburg
2018/06/18

Begegnung mit einem Mandarin. Die Illustration ist einem 1596 veröffentlichten Reisebericht entnommen, die als Leihgabe im Kultur- und Stadthistorischen Museum zu sehen war.

Duisburg - Die 10.000 Kilometer lange Zugstrecke zwischen dem chinesischen Metropole Chongqing und Duisburg hat ihren Ursprung in der Antike. Schon damals verband ein Handelsweg das römische Reich mit dem "Reich der Mitte".

Duisburg zeichnet eine besondere Beziehung zur Supermacht China aus. Das bewies jüngst die Ausstellung im Rheinpark, die die 10.000 Kilometer lange Zugstrecke zwischen dem chinesischen Metropole Chongqing und Duisburg zum Anlass nahm, an die legendäre Seidenstraße zu erinnern. Die Ausstellungsführungen fanden großen Zuspruch.

Bereits in der Antike verband ein Handelsweg das römische Reich mit China. Texte und Karten antiker Gelehrter über Asien gingen im Original verloren. Nur weil arabische Gelehrte sie in ihre Sprache übertrugen, gelangten die Informationen zurück nach Europa. Das Kartenmaterial und Berichte der Griechen, Araber und der europäischen Seefahrer und Entdecker nutzte Gerhard Mercator später als Datenpool für die Erstellung seiner Karten über Asien. Verblüffend exakt. Die abenteuerlichen Reiseberichte des Marco Polo, die Erfahrungen der Händler oder das Wissen des Jesuiten Matteo Ricci - sie alle hatten Einfluss darauf, wie die Kartographen die Welt und das ferne Asien sahen oder sehen wollten.

Die Routen der Seidenstraße konnten nur mit erfahrenen Führern und vielen Zwischenstationen bewältigt werden. Vor Jahrhunderten waren Kamele und Pferde die Transportmittel der Händler und Entdecker. Die Seidenstraße war eine der mühseligsten und riskantesten Reiserouten überhaupt. Tagsüber Hitze bis 50 Grad und nachts Kälte bis minus 20 Grad herrschten in der Wüste des Todes - Taklamakam. Karawanenführer wählten Umgehungsroten. Mensch und Tier mussten auf dem Weg nach Westen die Pässe des Pamir (5000 Meter) überwinden, um ins Ferghana-Becken zu gelangen. Der Weg von China nach Samarkand (Usbekistan) gehörte zu den gefährlichsten und lebensfeindlichsten der Welt. Nicht nur das unwegsame Gelände barg Gefahren: Wegelagerer lauerten entlang der unbefestigten Straßen. Doch jenseits aller Risiken entdeckte der Westen den Orient und die chinesische Welt - und umgekehrt. Hinter der Bezeichnung Seidenstraße verbarg sich ein Routengeflecht, das von den Karawanen genutzt wurde. Es wurde sowohl importiert wie exportiert: hochwertige Chinaseiden, Ton- und Keramikwaren, Schmucksteine, Pelze und Tierhäute, Nutztiere wie Pferde und Kamele, auf manchen Routen auch Luxusprodukte wie Gewürze, Heilpflanzen und Farbsubstanzen. Doch das wichtigste Austauschprodukt war das Wissen.

Ende des 15. Jahrhunderts verlor die Seidenstraße an Bedeutung, weil Portugal und andere europäische Handelsnationen massiv in den Weltmarkt eingriffen: 1497 entdeckte der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama den Seeweg nach Indien. Und Portugal kontrollierte alsbald diese neuen Seewege der Gewürzstraße. Mit Schiffen konnte man größere Warenmengen kostengünstiger transportieren. Mit der Verlagerung auf den Transport auf das Meer stieg der Bedarf an nautischen Seekarten.

Gerhard Mercator und Ortelius stießen mit ihren Kartenproduktionen in eine Marktlücke. Die Vermessungsdaten arabischer Gelehrter, portugiesischer Seefahrer und chinesischer Kartographen nutzten die europäischen Kartenproduzenten, um den asiatischen Kontinent mit seinen Hafenstädten immer exakter darzustellen.

Unser Weltbild wird bis zum heutigen Tag von Karten geprägt. Gerhard Mercator musste die Weltkugel ja an irgendeiner Stelle aufschneiden, um sie gleichsam zu einer Karte auseinander zu falten. Diesen Schnitt führte er durch den Pazifik; Europa rückte dadurch in die Mitte und erschien optisch größer. Auf chinesischen Weltkarten des Jesuiten und Chinaexperten Matteo Ricci (1552-1610) verlief dagegen der Schnitt durch den Atlantik, wodurch das sowieso schon recht kleine Europa am Rand der Karte landete. Im Weltbild der Chinesen war China das "Reich der Mitte".

Das Chinabild in Deutschland und das Europabild in China hat sich seit Gerhard Mercator immer wieder verändert. Vorsichtig formuliert führte Hochmut und rücksichtslose Machtpolitik der Europäer zu Missverständnissen in den Beziehungen zum "Reich der Mitte". Ängste und Klischees bestimmten das gegenseitige Weltbild. Aktuell zeichnet sich angesichts der US-Handelspolitik eine Zeitenwende ab. Das deutsch-chinesische Verhältnis wird zunehmend enger.

Duisburg pflegt traditionell wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zum "Reich der Mitte". Das nutzt beiden Seiten. Der Weg zum gegenseitigen Verständnis beginnt mit der Bereitschaft zuzuhören. Eine chinesische Spruchweisheit lautet: "Wenn Du in ein Land eintrittst, erkundige dich nach den Regeln und Gebräuchen".

Quelle: Rheinische Post

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